Dunkle, sanfte Augen.

Hallo Ihr Lieben.

Wenn ich Euch fragen würde, welches Tier in unseren Wäldern lebt und häufig zu sehen ist und was Ihr auch benennen könnt, was würden die meisten wohl nennen? Ich bin sicher, dieses Tier kommt garantiert ganz weit vorn: Capreolus capreolus

Besser bekannt als das Europäisches Reh

Ein sogenannter „Trughirsch“, der näher mit Elchen verwandt ist als mit unseren heimischen Rothirschen, seht Ihr vielleicht ab und zu. Rehe sind die verbreiteste Schalenwildart.  (Nur nicht auf Korsika und Sardinien) Nicht nur optisch so unterschiedlich, sondern auch zoologisch gesehen sind Reh und Rothirsch unterschiedliche Tierarten.

Die Paarhufer entwickelten sich vor etwa 20-25 Millionen Jahre, bei der letzten Eiszeit bildeten sich drei Unterarten: das europäische, das sibirische und das mandschurische Reh. Und Rehwild ist entwicklungsgeschichtlich älter als Hirsche.

Es gibt sie von der Küste bis ins Hochgebirge, von Flußauen bis hin zu Bergwäldern. Sie leben aber genau so inmitten von Landwirtschaft, durchstreifen Parks und suchen Gärten heim.

Ausgewachsene Tiere bekommen 17-22 kg auf die Waage, wobei die männlichen Tiere schwerer werden können, bis zu 25kg, (Richtung Osten werden sie auch noch schwerer). Ein warmer Winter und ruhige Wälder haben darauf auch Auswirkungen. Ihre Schulterhöhe beträgt zwischen 54 und 84 cm, aber ihr Becken/Hinterläufe sind etwas höher, dadurch können sie sehr schnell bei Gefahr und mit großen Sprüngen ins Dickicht verschwinden. Es gibt Unterschiede beim Sommerfell, welches kürzer und gelblich-rot ist und im Winter ist das dichtere, mit Unterwolle gut wärmende, längeres Fell grau-braun. Das Haar ist übrigens auch hohl, damit noch mehr Luft bei Kälte isoliert. Der Haarwechsel ist einmal im April bis Mai und etwa von September bis Oktober. Vor allem im Frühling sehen Reh dann arg zerzaust aus. Am Hinterteil fällt ein weißer Fleck, der „Spiegel“, besonders auf. Dieser ist auch eine Möglichkeit, Männchen von Weibchen zu unterscheiden. Bei Weibchen, der „Ricke“, ist der Fleck eher wie ein Herz und beim „Rehbock“, dem männlichen Reh, ist er eher wie eine Niere geformt.
Frisch geborene Kitze tragen ein gepunktetes, hübsches Tarnkleid. Mag es im ersten Moment auffällig für uns sein, so verschmelzen die Farben und Lichtpunkte ganz mit der Umgebung.
Im Herbst wirft der Rehbock sein Geweih (Gehörn genannt) aus Knochensubstanz ab. Schon bald darauf schiebt er aber wieder neu. Im Frühjahr wetzt (fegt) der Bock an kleinen Bäumen den Bast, die durchblutete Haut, vom ausgewachsenen Gehörn. Diese sind viel kürzer als die von Hirschen. Fegen dient übrigens auch der Reviermarkierung, denn zusätzlich zur optischen Abgrenzen gibt es auch Duftnoten von Drüsen zwischen den Stangen. Vor allem ältere Rehböcke verteidigen ihr Revier ab dem Frühjahr, es gibt dabei auch Revierkämpfe. Auch Ricken leben territorial. Im Winter schließen sich Rehe zu größeren Gruppen (Sprüngen) zusammen, die sich dann vor der Zeit des Setzens der Kitze im Frühjahr wieder auflösen.

Bei Niederpleis, ein Nachbarort, im Frühjahr

Die Paarungszeit geht bald los: Juli – August. Die Kitze sind gerade erst im Mai – Juni auf die Welt gekommen, ein bis zwei Jungtiere, sehr selten sogar drei. Möglich macht dies die Keimruhe bis Dezember. Während der Paarungszeit und auch bei der Futtersuche legt die Ricke (Mutter) das junge Kitz an einem (für sie scheinbar) sicheren Ort ab. Die Jungtiere kommen fast ohne Eigengeruch auf die Welt und ducken sich bei Gefahr. Das erklärt, warum viele Kitze im hohen Gras abgelegt werden. Woher sollen sie auch ahnen, dass dieses Gras jetzt gemäht werden soll! Gut, dass mittlerweile oft Drohnen zur Kitzrettung zum Einsatz kommen. Meine Mutter ist in ihrer Kindheit vor dem Mäher hergelaufen. Die Kitze werden übrigens mit Gras und Handschuhen in Sicherheit getragen, so bekommen sie nicht die fremde Gerüche ab, denn die Mutter könnte sie dann verstoßen.

Mutter und Kind bleiben übrigens mit Fiepgeräuschen in Kontakt. Habt Ihr schon mal auf einem Grashalm „gepfiffen“? So ähnlich klingt das, nur zarter. Rehe können aber auch laut blöken, schrecken. Das klingt wie abgehacktes Bellen und ist das Warnsignal des Rehwildes, besonders, wenn sie die Gefahr noch nicht richtig zuordnen können: „Ha, ich weiß Du bist da, ich bin gewarnt, Du kriegst mich nicht“

Sogar Kitze können ab dem dritten Monat den  Warnlaut ausstoßen, er klingt nur etwas höher.

Ach, ich liebe den sw Kontrast von Linoldrucken (den Rehbock Kopf habe ich schon vor einigen Jahren geschnitzt)

Reh Stempel aus einer „Sommerpost Aktion“

Aber nun mehr zum Lebensraum. Am liebsten leben sie in dichteren, reich strukturierten Busch- und Mischwäldern. Gern suchen sie Schutz in Dickungen.
Sie halten sich auch in offenen Felder auf. Gern mit Hecken und Bäumen dazwischen, in der Nähe von menschlichen Siedlungen und Parks, dort könnt Ihr ebenfalls Rehe finden. Sie achten darauf, dass sie ihr Umfeld im Blick haben, vor allem, wenn sie wiederkäuen. Wenn dieser Platz auch noch in der Sonne liegt, ist das perfekt, denn trotz Gewöhnungseffekt an Menschen, bleiben Rehe Fluchttiere.
Als Kulturfolger ist das Reh sehr anpassungsfähig, es beobachtet und lernt. So kann ein Jogger durch den Wald laufen, ihnen auch nahe kommen, denn solange er sich bewegt, scheint dieser nicht gefährlich zu sein. Weicht er vom Weg ab, in den Wald oder bleibt zu nah bei ihnen stehen, ergreift das Reh spätestens jetzt die Flucht. Besonders hervorzuhebend ist ihr gutes Gehör.
Die „rehbraunen“ Augen befinden sich seitlich am Kopf (die Iris beim Reh ist tatsächlich komplett schwarzbraun). So ist das Sehfeld relativ groß.

Sie fressen nur Pflanzen, vielleicht knabbern sie mal an einem Pilz. Dabei selektieren Rehe bei der Suche: Kräuter, Blätter, Triebe, Knospen, Gräser, sowie Wald- und Feldfrüchten. Rehe mögen auch sehr gerne unreife (milchige) Feldfrüchte und bevorzugen auch so manche Knospen von jungen Bäumen, was sie durchaus unbeliebt im Forst und beim Landwirt macht. Es bevorzugt nährstoff- und energiereiche, nicht stark verholzte Pflanzenteile. Und einfach Sachen, die ihnen am Meisten schmecken, echte Leckerschmecker eben. Tulpen werden zB von Rehen als ganz besondere Lieblingsspeise angesehen.

Übrigens ist es sehr wichtig, dass Rehe in Ruhe wiederkäuen können. Wird dies unterbrochen,  vielleicht sogar mehrfach, übersäuert der Magen. Das kann erst zur Schwächung und bei anhaltenden Störungen sogar zum Tod führen. (Daher bin ich dafür, dass man auf den Wegen im Wald bleibt und Hunde anleint. )

Was man aber schon beobachtet hat, ist Rehwild, welches zB einen Hasen ableckt. Nun, da brauchen sie wohl gerade Salze, welches sonst zB über Steine ablecken gedeckt wird, aber andere Tiere schwitzen die auch aus. Meist werden Salzlecken aufgestellt, im Frühjahr ist der Bedarf nämlich recht hoch.

Rehe sind am aktivsten in der Dämmerung und am frühen Morgen. Dann kann man sie am ehesten beobachten.

Im Juli beginnt die Paarungszeit der Rehe. Ja, während sie noch ihre Kitze säugen. Die Kitze sind dann schon 2-3 Monate alt. Sie werden etwas „beiseite geschoben“, damit Ricke und Bock „sich jagen“ und paaren können. Jetzt haben vielleich einige nachgerechnet und sich gefragt, wie lange denn bitte die Tragezeit bei Rehen ist: 9,5 Monate. Davor haben sie eine sogenannte Eiruhe, in der das befruchtete Ei nicht wächst.

Rehe gehören zur Beute von Luchs und Wolf. Kitze werden auch von kleineren Jägern gefressen. Auch der Adler kann ein Reh töten und forttragen. Aber wie fast alle Predatoren suchen sie sich schwache Tiere aus.

Ein Reh symbolisiert Sanftmut, Intuition und Anmut, seine Zierlichkeit, wie Gazellen. Hoch und weit können Rehe jedenfalls springen.

Antiken Legenden nach war das Reh mit der Göttin Artemis verbunden.

In der keltischen und nordeuropäischen Mythologie werden Rehe und Hirsche oft als Boten der „Anderswelt“ betrachte

Im japanischen Shintō-Glauben gelten Rehe als heilige Boten der Götter.

Das wohl bekannteste Märchen wo ein Reh eine wichtige Rolle spielt, ist „Brüderchen und Schwesterchen“, Link zu Wikipedia

Und natürlich: „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“, 1922 veröffentlicht von dem österreichisch-ungarischen Schriftstellers Felix Salten.

Ihr kennt alle Bambi als Trickfilm von W. Disney. Dort ist Bambi ein junger Weißwedelhirsch. Denn das Buch wurde ins Englische übersetzt und dann von Disney entdeckt. Da Rehe in den USA nicht vorkommen, wurde eben ein Hirsch gezeichnet. Viele denken, das Trickfilm Bambi sei ein Reh und das Kind vom Hirsch. (Ja, Ihr glaubt gar nicht, wie oft ich schon gesagt bekommen habe, dass Rehkitz Bambi sei doch das Junge vom Hirsch) Schön verwirrend. Dazu kommt, dass das Original viel düsterer ist und eher für nicht so junge Leser gedachte. Es ist (heute) ein eher unbekanntes Buch mit einem Reh als Hauptfigur, welches mehr „Abenteuer“ erlebt, als im Film.

Der Bestand von Rehwild ist zu einem Streitpunkt geworden. Gerade in den letzten Jahren musste viel aufgeforstet werden. Wenn ein Reh mal eine Knospe frißt oder einen Jungbaum verfegt, ist das noch kein Problem. Aber wenn der Bestand sehr hoch ist, erhöht sich der territoriale Druck. Mehr Tiere fressen auf kleinerem Raum auch mehr ihrer Leibspeisen. Und die Böcke verfegen nicht nur eine Stelle, sondern viele. Meine Mutter hatte zB dieses Jahr etliche Bäumchen, die sie deswegen im Herbst neu pflanzen lassen muss. Erst wenn die kleinen Bäumchen die Höhe überschritten haben, in der die Rehe nicht mehr dran kommen, sind die oberen Triebe geschützt. Auf das Problem bin ich auch beim Hirsch Beitrag schon mal eingegangen.

Leider werden jedes Jahr sehr viele Rehe überfahren. Das Scheinwerferlicht blendet die Tiere und sie bleiben auf der Straße stehen. Und gerade nachts fahren viele auch dort, wo Warnschilder für den „Wildwechsel“ stehen, zu schnell.

Ich hoffe, der wieder sehr lang geratene Beitrag aus dem Jahresprojekt hat Euch gefallen.

Verlinkt natürlich bei Andrea, der Zitronenfalterin, welche immer unsere Projekte Beiträge sammelt

Auch beim Samstagsplausch und dem Gartenzaun Plausch

PS

Hier ein WDR Artikel über eine Kitzretterin

PPS

Hier ein tagesschau Artikel zu „kleinen Aufforstungen“



Eine Antwort zu „Dunkle, sanfte Augen.“

  1. Wieder sehr interessant und der der große Stempel ist mega. Ich überlege, ob das mit dem ablecken so passt. Schwitzen Hasen? Ratten tun es nämlich nicht. Und wieso machen die das mit? Haben die das was von? Hmmm.

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